Frühsommertage

Zum ersten Mal seit Ewigkeiten bin ich nicht mehr tagesaktuell auf dem Laufenden darüber, was in der Welt so geschieht. Das hat damit zu tun, daß ich das dämliche Gefasel in Sachen (Lebens-)Arbeitszeit nicht mehr ertragen kann (mehr dazu hier), ebenso wenig die Sparpläne, die immer, immer, immer nur die Schwächsten betreffen. Wenn sich selbst Superreiche zur Wort melden und eine Vermögenssteuer fordern (Stichwort: Arbeit entlasten, Vermögen belasten), dann läuft staatlicherseits endgültig viel zu viel schief. Ich kann es einfach nicht mehr hören!

Beschäftige mich also mit den eigenen Sachen. Die Zusammenarbeit mit dem neuen Klienten läuft super. Schade nur, daß sie (noch) kein Neu- und Gesamtprojekt haben wollen. Naja. Kleinvieh macht auch Mist.
Andere Geschichte: Die Arbeit mit Vereinen ist immer anstrengend – zu viele Köche rühren im Brei, Entscheidungen dauern ewig. Ich habe lange Jahre für sie gearbeitet, nun hatte man sich bedankt, und brach unter neuem Vorstand zu neuen Ufern auf. Was soll ich sagen – nach drei stillen Monaten ist der Klient zurück. Unter dem neuen Vorstand – wir sind wunderbar auf einer Wellenlänge, und ich schlage mich nicht mehr mit Beratungsresistenz herum – sind die Vorgespräche angenehm und zielführend. Es steht zu hoffen, daß ich nun endlich etwas für sie bauen darf, das hübsch und zeitgemäß ist und endlich funktioniert, meine redaktionelle Mitarbeit inklusive. Entscheiden wird letztlich und leider aber bestimmt der Preis. Ich werde alles Notwendige dafür tun, daß keiner von uns lang auf dem Tisch landet und wir endlich etwas haben werden, das taugt.

Apropos taugen – Endlich haben wir in Berlin Tagestemperaturen, die taugen. Mein Balkondschungel macht mir viel Freude, doch reicht ein vergessenes Gießen am frühen Morgen um die Pflanzen in ernsten Trockenstress zu bringen. Es sind eben Kübel, keine Gartenbeete. Darf mir also nicht noch einmal passieren.
Der Grund für das Versäumnis war ein morgendlicher Termin auf dem Nachlassgericht (Erbausschlagung), und ich habe selten so sehr geflucht: Die meisten Radwege dieser Stadt sind viel zu schmal. Selbst mit Geschick und Routine ist es schwierig langsam fahrende Radler gefahrlos zu überholen. Damit nicht genug: Baumwurzeln, hochstehende Pflasterung, eine Baustelle nach der anderen. Das ist kein Weg mit dem Rad durch eine Stadt, eher ein nervenschädigendes Abenteuer. Und die Idioten auf Skootern, die einen rechts überholen, wenn man gerade im Begriff ist rechts abzubiegen, und die einen dann auch noch anschreien, die sollte man ohnehin übers Knie legen. Auch schön: Bamboo-Dreiräder im Schleichtempo, an denen man beim besten Willen nicht vorbei kommt. Sie auf der Straße ordnungsgemäß zu überholen, ist so gut wie nie möglich wegen der nicht abgesenkten Bordsteinkanten. Dann schleicht man also zähneknirschend drei Kilometer lang hinter ihnen her. Dann sind da auch noch die Fußgänger, die, das Smartphone vor Augen, einfach nicht darauf achten wohin sie latschen. Man wird ganz irre davon! Bin lebend und unverletzt hin und zurück gekommen, aber auch erschöpft – die Konzentration und der Rundumscanner dürfen keinen Moment nachlassen. Das ist anstrengend. Es erzählt eine Geschichte, daß ich auf der Strecke auch viertausend Schritte zu Fuß auf dem Zähler hatte. An manchen Stellen ist man bei weitem sicherer zu Fuß unterwegs. – Das sind so Tage, da sehne ich mich innig nach meiner Heimatstadt, die als fahrradfreundlichste Stadt des Landes mehrfach ausgezeichnet wurde.

Gestern habe ich mich mit Freunden aus dem Ruhrgebiet hier in Berlin getroffen. Ihr Kurzurlaub, ich war zum Brunch eingeladen. Die Belegschaft vom Anna Blume hat sich sehr amüsiert, weil wir erst stundenlang blieben, und dann nach einem Intermezzo wiederum dort einkehrten. Gegen elf waren wir verabredet, erst um halbsieben war ich wieder zu Hause. Ein schöner Tag! Ich war ein wenig beleidigt. – Niemand hatte eine Vermisstenmeldung lanciert, obwohl ich sieben Stunden nicht erreichbar war. Hatte das Handy zu Hause vergessen.
Irgendetwas blüte dort, das meinem System nicht gefiel. Von Wasserschnupfen über Kaninchenaugen bis zum allergischen Husten alles geboten – hatte ich Jahre nicht mehr! Bastet sei Dank, hatte die Belegschaft tatsächlich eine Tablette Loratadin für mich, als es wirklich nicht mehr zum Aushalten war. Worauf ich so herb reagiert habe? Keine Ahnung.

Sommer in der Stadt bleibt unterm Strich einfach schön. Aber Florenz nähme ich auch.

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